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Historisch Interessantes zum Rütlischiessen
Das zweifellos beliebeste, traditionellste und ursprünglichste Schützenfest ist das Rütlischiessen, das im Jahre 1862 von den Stadtschützen Luzern ins Leben gerufen wurde. Es findet seither jährlich am Mittwoch vor Martini statt. Die jeweils zugelassenen 1152 Schützen (24 Ablösungen, 48 Scheiben) kommen aus den fünf durchführenden Sektionen Stadt Luzern, Uri, Schwyz, Nidwalden und Engelberg (inkl. die Rütlisektion "Anderhalden", die sich aus Schützen der alten Obwaldner Orte zusammensetzt) sowie von 16 ständigen und ca. 25 nicht ständigen Gastgruppen. Wie es zu diesem Anlass gekommen ist, liest sich wie ein kleine Repetition der Schweizergeschichte.
Als das Rütli im Jahre 1859 zum Nationaleigentum wurde, setzten regelrechte vaterländische Wallfahrten dahin ein. Im Oktober 1860 rief auch die Schützengesellschaft der Stadt Luzern zu einer Rütlifahrt auf. Im darauf folgenden Jahr luden die Luzerner die Urner Schützen zu einem Wettschiessen auf das Rütli ein. Doch diese schlugen die Einladung mit der Begründung aus, der November eigne sich schlecht für ein Schützenfest. Aber 1862 war es dann soweit, das erste Wettschiessen samt Schützengemeinde wurde durchgeführt. Gleich wurde auch beschlossen, diese Schützenfahrt nun alljährlich am historischen Mittwoch vor Martini zu begehen.
Historisch? Was soll an diesem Mittwoch vor Martini historisch sein? Den Allermeisten sagt dieser Tag wahrscheinlich so gut wie nichts. Dafür wissen wir alle etwas mit dem 1. August anzufangen. Das war aber nicht immer so ... vor gut rund 100 Jahren war das alles noch genau umgekehrt.
Hätten wir die Gelegenheit, uns ins 19. Jahrhundert zurückzuversetzen, und würden eine beliebige, einigermassen gebildete Person fragen, wann die Eidgenossenschaft ihren Bund auf dem Rütli geschlossen habe, bekämen wir mit grösster Wahrscheinlichkeit zur Antwort: "Am Mittwoch vor Martini im Jahr 1307". Dies entspricht der alten Schweizergeschichte, die vom Glarner Historiker Aegidius Tschudi verfasst wurde, der von 1501 bis 1572 lebte. Diese Chronik diente auch Friedrich Schiller als Vorlage für seinen "Wilhelm Tell"; auch in diesem Werk war vom 1. August oder gar von der Jahreszahl 1291 noch keine Rede. Sogar auf dem Telldenkmal in Altdorf, das 1895 eingeweiht wurde, ist das Jahr 1307 eingemeisselt. Vor gut 100 Jahren waren also die Schweizer immer noch der felsenfesten Überzeugung, Wilhelm Tell habe seinen berühmten Schuss im Jahre 1307 abgegeben.
Auf Grund der tiefgründigen Recherchen von Aegidius Tschudi musste der Rütlischwur am Mittwoch vor Martini im Jahre 1307 stattgefunden haben. Elf Tage später, am 18. November also, machte sich dann ein Mann namens Tell von Bürglen, den ältesten Sohn Walter stolz an der Hand führend, nach Altdorf, um dort achtlos am Hut des Landvogts Gessler vorbeizumarschieren. Die Folgen sind uns allen bekannt: Apfelschuss, Gefangennahme, Flucht, Ermordung Gesslers in der Hohlen Gasse, Volksaufstand, Zerstörung der Burgen und Vertreibung der tyrannischen Vögte.
Die Gründer des Rütlischiessen setzten den Termin also keineswegs willkürlich fest, sondern in bewusster Erinnerung an den ersten Rütlibund. Und wie steht es nun mit dem Bundesbrief von 1291?
Im Bundesbrief wird doch unmissverständlich davon berichtet, dass Vertreter der drei Orte Uri, Schwyz und Unterwalden Anfang August einen ewigen Bund geschlossen hätten. Wie um alles in der Welt kann man davon ausgehen, der erste Rütlischwur sei am Mittwoch vor Martini 1307 erfolgt, lieber Herr Aegidius Tschudi?, lieber Herr Friedrich Schiller? Aus dem einfachen Grund, weil man über Jahrhunderte hinweg nur den Bundesbrief von 1315 kannte, der auf einen älteren Bund hinwies, den man - auf Grund der Geschichtsforschung - eben auf das Jahr 1307 datierte. Der heute im Bundesbriefarchiv wohlgehütete Bundesbrief von 1291 wurde erst 1758 und zufällig in einem Schwyzer Privatarchiv gefunden. Auf Grund von wissenschaftlichen Untersuchungen haben sich inzwischen auch einige Zweifel ergeben, ob es sich bei diesem Dokument wirklich um ein Orignal von 1291 handelt. Aber gehen Sie doch lieber selbst (wieder) einmal ins Bundesbriefarchiv nach Schwyz und schauen sich den interessanten Film über das Dokument an.
Interessant jedenfalls ist, dass die im 18. Jahrhundert gemachte Entdeckung des Bundesbriefs von 1291 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht ins Bewusstsein des Volkes gedrungen ist. Erst nach dem am 1. August 1891 das offizielle Bundesbern zum ersten Mal zu einer vaterländischen Bundesfeier - gleichzeitig als 600-Jahr-Feier - einlud, bürgerte sich das Datum und der 1. August als Nationalfeiertag langsam bzw. nach und nach ein. Mit der Zeit verdrängte der 1. August dann den Mittwoch vor Martini fast vollständig. Alleine das historische Rütlischiessen erinnert weiterhin und jährlich an den geschichtsträchtigen Tag.
Hoffen wir, dass sich die Schützen aus der ganzen Schweiz weiterhin auf dem Rütli treffen, zusammensitzen, beim friedlichen Wettkampf messen und jährlich neue Bekanntschaften machen sowie alte Freundschaften erneuern - und zwar am Mittwoch vor Martini!
Quellen:
Offizielle Geschichte ... Bundesbriefarchiv ... zwischen Mythos und Wahrheit!
Markus Jud: Geschichte der Schweiz; Der Datumsstreit: 1291 oder 1307? umfassendes Geschichtswerk mit vielen Links
Roger Sablonier: Der Bundesbrief von 1291: eine Fälschung? Perspektiven einer ungewohnten Diskussion, Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz 85(1993)13-25
Andreas Meyerhans: Computerstation Bundesbrief ... die Frage nach der Echtheit des Bundesbriefs
Stefan Fryberg: Aufsatz über die Geschichte des Rütlischiessens, im Urner Wochenblatt vom 31. Oktober 1998
Seit 2009 haben die Vereinigten Rütlischützen der IV Waldstätte eine eigene Homepage.
Siehe: Rütlischiessen
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Die jährliche Rütlischützengemeinde am Mittwoch vor Martini
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