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Stand 14.07.2009

Annotate
aus der Schreibstube
Kürzestgeschichten
»Annotate dient der komfortablen und effizienten, semi-automatischen Annotation von Korpusdaten.
Es unterstützt die Erstellung kontextfreier Strukturen und erlaubt dabei zusätzlich kreuzende Kanten. Die terminalen Knoten, nichtterminalen Knoten und die Kanten werden etikettiert. Die Anzahl und Art der Kategorien ist frei definierbar. Annotierte Korpora werden in einer relationalen Datenbank abgelegt. Annotate ist mit einem Interface zur Interaktion mit externen Parsern ausgestattet.«


Was hiervon einmal Buch werden sollte, verschwände. Dorthin.



Pizzini
Dreizehn Kürzestgeschichten. Für Franz Pichler.


i     Modulation in f
franzp. pfranz. fpranz. pranzf. farpzn. fanrpz. prafnz. zranpf. pranfz. prazfn. arznpf. frapzn. frapanz. pafranz.


iv     Spadolins Kunst
War er noch Regierungschef oder bereits der über Benitos Knobelbecher gestolperte Verteidigungsminister? Wenngleich: Spadolin in schmucker Paradeuniform: Das ja wohl ist Kunst am KörperBau. Er war jedenfalls. War da gewesen. Es hat aber, und es wird, nie jemals jemand erfahren. Selbigen Tages, das allerdings ist gewiß und belegt, kamen zwei Männer in die Stadt, entstiegen dem Zug, nur um umzusteigen. Und hatten festzustellen, daß kein weiterer Zug weiterführe; ob dem generellen oder einem spezielleren Durcheinander zu verdanken, Staatsstreich oder Streik oder simples Kataklisma, war weiter nicht auszumachen, gar auf die Schnelle nicht, und außerdem eh schetzko. Hatten sie doch tagsdraufs sich wieder in der Stadt einzufinden, in der sie heute ursprünglich eigentlich nichts als umzusteigen, nunmehr aber, wegen mangelnder weiterführender Möglichkeiten, zu verbleiben hatten. Es ging also, natürlicher Rückzugsort, in den Buko. Der Rest würde, war man, sich finden. Um einiges später dann, nach dem anderen Glas, fand sich zudem die Überlegung ein, man könne genausogut heutnächtens wie, eigentlich verabredet, morgenvormittagens sich ans Pissoir aufmachen, und gleich mit der Arbeit beginnen. Kunst bleibt Kunst ist Kunst. E vaffanculo. So wurde dann auch vergangen. Und als sich, am Pissoir am Fluß angekommen, darin der Spadolin vorfand, den die ihn wie seine Reise geheimhaltenden Dienste seit Stunden, wenngleich ohne Ergebnis, frenetisch suchten, der damit also auch den Honoratioren der Stadt abhanden, die an der Vittoria auf ihn gewartet, von ihm, das ja, seit Jahren allerhand gewohnt, auch Verschwinden, wenn auch, noch nie, so gänzlich und dermaßen auf Dauer: So denn dann begann die Kunst im am Pissoir früher als geplant, Dank Spadolin und Din und Don. Und dem Nachschub aus dem Buko.


v     Die Krise des Alphabets
Was ist mir, sagte er, um das Alphabet der Krise. Angesichts der Krise des Alphabets. Und schnitzte sich einen Buchstaben. Legte ihn zu den anderen. Und wußte: Im nächsten Winter dann würde er sie wieder alle, in extremis, verbrennen.


ix     Über das Steigen in der Eiswand und das Gehen am Grad
ist nichts zu sagen. Zu singen dabei aber wär:
A sera quanno 'o sole se nne trase / e dà 'a cunzegna a luna p' 'a nuttata / lle dice dinto 'a recchia - I' vaco 'a casa: / t'arraccumanno tutt' 'e nnammurate


(...)


eben erschienen:

Franz Pichler.
Bildhauer.
Monographie.
Arunda 76. 2009.
186 Seiten
ISBN 978-3-7066-2456-5



Ein Blick in die Welt


verschafft ja durchaus, wenn auch nicht immer, Einblick. Und ab und an sind es die sogenannten Kleinen Dinge (die sich selbst wohl nur äußerst ungern als solche bezeichnen würden; für heut aber müssen sie es eben dulden), an denen sich das eine oder andere ablesen läßt. Ob man sich dann darauf auch einen Reim bilden kann, ist eine andere Frage. Die wäre dem Lyriker zu stellen.
Es hat irgendwann begonnen, unauffällig; in der Folge dann hat es sich peu à peu in dieser Stadt ausgebreitet wie (und hier wäre eigentlich ein Vergleich aus der Medizin am Platz, Abteilung eklige Infektionen, Unterabteilung: Zweitsemester erschrecken bzw. aktuelle deutsche Bestsellerlisten, wir lassen den Vergleich aber an seinem Platz und sagen lieber:) ausgebreitet wie ein Ölfleck.
Nun ist allein die Anzahl der Frisörläden, die es in dieser Stadt gibt, verwunderlich. Und ist einem das erst einmal ins Auge gestochen, notiert man, durch die Stadt wandernd, mit und addiert es sich auf. Sieht, im Vorübergehn, hinein und stellt fest: Da sitzen tatsächlich auch welche, immer.
Unsereins kannte das noch anders, vom Dorffrisör. Der war im Schwarzen Adler abzuholen. Und falls man zu jung dazu war, hatte man eben in seinem Laden auf seine Rückkunft zu warten. Konnte dauern. Man hätte, angesichts des leicht erregbaren Meisters Schnittechnik am jugendlichen Kopf - einmal über die Welt schimpfend quer drüber mit der Maschine - sich in der Schwarzadlerzeit auch ruhig selbst echauffieren sowie coiffieren können, dann aufkehren, das Geld abgezählt hinlegen, und gehen. Tat man aber nicht.
Seither hat man ein Auge aufs Gewerbe. Und stellt fest: Sie werden von Tag zu Tag vorwitziger, diese Frisöre. Und heißen etwa nicht mehr Salon Susi oder Coiffeur Charlie, sondern (und sowas kann man sich auf einem mittellangen Spaziergang durch die Stadt einsammeln): Spitzenbetrieb. Hauptsache. Schnittpunkt. Methaarmorphosen. Kopfgeldjäger. Kaiserschnitt. Freischneiderloge. Aufschnitt. Zuschnitt. Scherenschnitt. Kopfsache. ChicSaal. Fairschnitt. Haarmonie. Haarlekin. Hairgerichtet. Haar und Zimmermann. Wellkamm.
Für Wortspielereien, hatte man eigentlich gedacht, sei der Dichter zuständig. Und hoffentlich glücklicher darin.
Dann aber rief gestern ein Bekannter an: Sein Freund mache sich jetzt dann doch, endlich durchgerungen, gerade in Zeiten wie diesen, also: selbstständig. Geschäftslokal ist ins Auge gefaßt, Finanzierung dank einer Erbtante klar (bis auf eine kleine Bergtour in die Schweiz), fehlte nur noch: der Name. Und da habe man, du machst das doch von Berufs wegen, auch nicht immer ganz unwitzig, also, ...  Ich dachte nur: Wenn du jetzt auf einem Nein behaarst, wird dir das haarscheinlich als verhairend lächaarliche Haaroganz ausgewaschenundlegt.

(Annotate. Kürzestgeschichten. 13/03/09)



Dieser Tage also

ging ich durch ein flaches Tal, schreibt er, an einem Fluß gelegen. Und fand mich unversehens im Nebel wieder. Und da es Winter war, war plötzlich alles weißer noch als weiß. Unten, oben, linkszurseit, rechtsrüber.
Falls überhaupt etwas in der Landschaft stand, tauchte es erst im allerletzten Augenblick vor mir aus dem Weiß auf, wobei allerletzter Augenblick keine fünf Meter sind.
Ein paar dürre Bäume, beispielsweise, es war ansonsten eine eher zivilisationsferne Gegend, durch die einzig und allein eine Autobahn führte, was für sich allein genommen wohl noch kein Ausweis von zivil, aber als ein Summen vor dem Eintritt in den Nebel noch zu hören gewesen war.
Irgendwann dann, im Nachhinein meine ich: nach Ewigkeiten, die wohl keine vierzig Schritte lang gedauert haben können, standen drei schlanke Holzstümpfe vor mir auf (oder waren es zwei, vier?), gewissermaßen bis zu den Knien versunken im Schnee, behangen mit Reif. Und ich wußte es mir nicht zu deuten. Sah die Überbleibsel von Galgen. Ging weiter, drehte mich um, und fand sie nicht mehr.
Und noch mehr Reif überall, allerfeinste Kristalle, die bis in den hintersten Lungenflügel zu rieseln schienen.
Dann wurde es licht. Nicht daß der Nebel sich gehoben hätte. Er strahlte. Leuchtete auf, warm, als ob man in einem orangenem Zelt plötzlich säße mitten im Gehen. Der Reif golden. Der Atem auch. Ich blieb stehen.
Da aber drehte sich die Welt und verschob sich das Licht und alles mit ihm, Schnee und Reif und Nebel und das Nichts. Ein dunkles Stahlblau stülpte sich langsam über uns, dem finstre Kälte folgte.
Halleluja!, was, um G'swillen hast du jetzt wieder angestellt. Wofür fährst du da in die Hölle?
Ich gestehe, schreibt er, daß mir genau das durch den Kopf ging. Nicht daß ich mir keiner Schuld bewußt gewesen wäre, ein paar davon trägt man immer mit sich herum, das leichte Reisegepäck eben, nur: hier, und jetzt, und so? In Nebel und Schnee und Reif und Nichts, ein sekundenschneller Weltuntergang, und gänzlich lautlos dazu auch noch?
An diesem Punkt endlich, schreibt er, kam ich wieder zu Sinnen. Denn: Keine Abfahrt in die Hölle (wohl auch keine Auffahrt in den Himmel, aber davon versteht unsereins nicht allzuviel), kein Weltuntergang, nichts davon wird je ohne: Fanfaren, Flageolette, Flügelhörner, Fagotte, was weiß ich: stattfinden. Undenkbar.
Und als ich in der folgenden Nacht fieberschweißig wach wurde, simpler Grippalinfekt, wie sich herausstellen sollte, stand mir endlich eine vernünftige Erklärung vor Augen. In Kurzfassung: Inversion, unten Nebel, drüber Sonne, vor die dann, doch, eine Wolke gezogen war. Was vorkommen soll.

(Annotate. Kürzestgeschichten. 17/01/09)



die b-protokolle / #53 / 200409



Am kaelbermarkt reiszt eine kuh
aus. sie fluechtet zuerst in die
lampenabteilung eines moebel-
geschaeftes und hinterlaeszt dort
einen scherbenhaufen. dann rennt
sie, verfolgt von bauern und
polizisten, in richtung stadtrand
weiter
(Annotate. Kürzestgeschichten. 05/09/08)



Das Hirn ist

ein soziales Organ, schrieb er.
Ja, schrieb ich ihm zurück. Und eine Ricotta, so am Stück, natürlich nichts als ein redundant angebundener Zentralrechner.
Daraufhin er: ... wenn du meinst.
Und ich: Selbstverständlich. Die Geschichte mit dem Berliner Amtsgericht. Pasolinis Kreuzigung. Und der andere, der stolpernde Totò. Zum Beispiel. Drei Geschichten, die sich schneiden. Mitten in der Ricotta.
Und wie gehen sie, die Geschichten?, schrieb er.
Ein andermal, schrieb ich, verzeih. Mir ist der Hunger längst zu groß geworden. Zumal angesichts der traurigen Gewißheit, daß sich heute, auch im Umkreis einer Tagesreise, eine Ricotta, die den Namen wert ist, nicht auftreiben ließe. Wie wäre es stattdessen damit: Logarithmen, Aufgabe 20: Ein Staat mit weißer Bevölkerung gliedere sich farbige ein. Die farbige Gruppe betrage anfangs nur 0,1 vH der weißen Rasse. Welchen Hundertsatz machen die Farbigen nach 60, 120 und 180 Jahren aus, wenn die Geburtenstärke der weißen Familie 2,2 ist, die der farbigen Familie 4,8 und der Zeitabschnitt der weißen Geschlechter 30, der der farbigen Geschlechter 20 Jahre beträgt? (p bei der weißen Rasse 63, bei der farbigen 60.)
?, schrieb er zurück.
Ist auch so eine Geschichte, schrieb ich, aus der eine Geschichte werden könnt. Habe in einem Antiquariat für einen Euro ein Buch erstanden, das (oramai è troppo tardi cantare miserere, sagte Rosalia gern) zu nichts nutze schien: Rechenbuch für den Unterricht in der Wehrmacht. Zweites Heft. Arithmetik und angewandtes bürgerliches Rechnen. 1938 (August, 13 Monate vor dem Überfall auf Polen). Im Vorwort stand: Die Aufgaben nationalpolitischen Inhalts sind auf den neuen Stand gebracht worden. Am linken Vorsatzblatt  eine Signatur: Hildegard Bürger - Hagendorn, 17.X.41.
Nun, Frau Bürger - Hagedorn hatte es auch nicht leicht, und, wiewohl bereits Krieg war, ganz andere Probleme. Die durchaus auch auf die Zeugungsrate durchzuschlagen drohten. Das wissen wir, weil sich in dem Buch ein leicht stockfleckiges, liniiertes, aus einem Spiralblock gerissenes Blatt (ehemals A5, untere Hälfte unsauber händisch abgetrennt) fand. Ich transkribiere Dir treulich den Text. Die Geschichte dazu ist erst noch zu schreiben. Bis dahin ...

Liebe Hilde!
    Ich habe Dich mehrmals gebeten, etwas früher zu erscheinen, da ich nach der langen Zeitspanne einen großen Hunger habe. Ich halte das auf jeden Fall für unkameradschaftlich, aber wenn Du etwas vor hast, kannst Du es mir ja sagen, daß ich mir morgens 1 Paar Stullen mehr mitnehmen kann; und wenn Du es vorher nicht weißt, kannst Du mich doch anrufen, damit ich mir etwas Brot kaufen kann. So muß ich doch denken, Du kommst. Und wenn Du trotzdem nicht kommst, muß ich annehmen, daß Du es ungern tust.
        Dein Rudi

(Annotate. Kürzestgeschichten. 17/11/08)









































Castelfeder

Der Hügel von Castelfeder hat von jeher seine eigene Geschichte. Es ist einem, als wäre er immer schon gewesen. Was aber nicht sein kann, da er vulkanischen Ursprungs ist, was uns, jenseits aller Sagen, belegt, dass auch der Hügel von Castelfeder irgendwann einmal aus den Tiefen der Erde aufstieg, ihnen entglitt, oder, wenn man so will: lauwarm ausspuckt wurde. Weswegen der Hügel von Castelfeder und der Rote Platz (Красная Площадь, Krasnaja Ploschtschad) in Moskau auch Cousins ersten Grades sind. Aber das nur am Rande.
Wer nun auf Castelfeder steht, der wird unwillkürlich ein leises Raunen hören. Wie fernab anrollendes Meer. Und es gibt, sagt man, durchaus auch Tage, wenn auch selten, an denen man, von Castelfeder aus nach Süden blickend, plötzlich, aus Richtung der bekannten Salurner Klause, das Meer ins Land ziehen sehen kann, mehr als doppelt kirchturmhoch, aber ansonsten recht friedlich. Es sollen, geht die Sage, sich an solchen Tagen immer wieder einige von Castelfeder aus jauchzend in die salzigen Fluten gestürzt haben; nur, um am nächsten Tag mit nassen Kleidern und wunden Knien vor ihrer Hofstatt aufgewacht zu sein. Müde, aber fröhlich, in ihrem Erinnern. In den umliegenden Dörfern nannte man sie verächtlich Die springenden Feltine von Fastelceder (was wohl eine Verballhornung sein mag.)
Wenn aber wieder einmal der Etschdamm bricht und Millionen von apfeltragenden Dingern unter Wasser stehen, die in frühen Sagen noch Bäume genannt wurden, die reinsten Fabelwesen, von denen man sich erzählt, sie seien damals so hoch gewachsen wie ein Haus und man hätte ihnen mit einer einfüßigen Leiter, der sogenannten 27er-Loan, zu Leibe rücken müssen, wenn also wieder einmal der Etschdamm bricht, dann leuchtet nächtens auf Castelfeder ein Licht auf und flackert übers Tal. Und Apfelseelen steigen aus dem Wasser, fliegen ein paar Runden und lassen sich dann auf den Steinen der Burgruine auf Castelfeder nieder, um sich zu unterhalten.
An ganz besonderen Tagen aber, wenn an Sommerabenden lau der Wind vom Berg herunterfällt, ist ein Saxophon zu hören. Und man sagt, es handle sich um einen einsamen, bis auf den Tod liebeskranken Saxophonisten, der im Tunnel der aufgelassenen k. u .k. Fleimstaler Bahn seine letzten Lieder spielt, einmal und noch einmal. Wissen kann man das nicht. Es war noch keiner da, um das zu überprüfen. Und falls einer da war, kam er nicht mehr zurück. Oder hat, zurückgekommen, geschwiegen über das, was er gesehen hat. Wieso auch immer.
Um den seit jeher auf der Burgruine von Castelfeder hausenden Baron von Caldiff rankt sich übrigens eine ganze Reihe von Sagen, die aber bereits anderenorts wirkungsvoll erzählt wurde. Hinzugefügt sei nur diese hier:
Dem Baron von Caldiff war eines Tages sehr langweilig, langweiliger noch als an gemeinen christlichen Feiertagen. Er trat vor seine Ruine, besah sich den Talboden unter ihm, den Himmel über ihm, sowie sein nicht mehr gänzlich blütenweißes Hemd. Da unten grün, da oben blau, und an mir alles grau, sagte er, das kann nicht sein, das ist nicht fein. Erhob den Arm, Hagelwolken zogen gewittrig auf, es rauschte, es krachte, der Himmel wurde graubraun, der Talboden braungrau. Und das Hemd blütenweiß. Wohlauf, sagte da der Baron von Castelfeder, jetzt kann’s zum Tanze gehn. Und zog los.
(...)

(war eine Auftragsarbeit. Zu haben unter ISBN 9783852564555)

(Annotate. Kürzestgeschichten. 05/09/08)