Pizzini Dreizehn Kürzestgeschichten. Für Franz Pichler.
i Modulation in f franzp. pfranz. fpranz. pranzf. farpzn. fanrpz. prafnz. zranpf. pranfz. prazfn. arznpf. frapzn. frapanz. pafranz.
iv Spadolins Kunst War
er noch Regierungschef oder bereits der über Benitos Knobelbecher
gestolperte Verteidigungsminister? Wenngleich: Spadolin in schmucker
Paradeuniform: Das ja wohl ist Kunst am KörperBau. Er war jedenfalls.
War da gewesen. Es hat aber, und es wird, nie jemals jemand erfahren.
Selbigen Tages, das allerdings ist gewiß und belegt, kamen zwei Männer
in die Stadt, entstiegen dem Zug, nur um umzusteigen. Und hatten
festzustellen, daß kein weiterer Zug weiterführe; ob dem generellen
oder einem spezielleren Durcheinander zu verdanken, Staatsstreich oder
Streik oder simples Kataklisma, war weiter nicht auszumachen, gar auf
die Schnelle nicht, und außerdem eh schetzko. Hatten sie doch
tagsdraufs sich wieder in der Stadt einzufinden, in der sie heute
ursprünglich eigentlich nichts als umzusteigen, nunmehr aber, wegen
mangelnder weiterführender Möglichkeiten, zu verbleiben hatten. Es ging
also, natürlicher Rückzugsort, in den Buko. Der Rest würde, war man,
sich finden. Um einiges später dann, nach dem anderen Glas, fand sich
zudem die Überlegung ein, man könne genausogut heutnächtens wie,
eigentlich verabredet, morgenvormittagens sich ans Pissoir aufmachen,
und gleich mit der Arbeit beginnen. Kunst bleibt Kunst ist Kunst. E
vaffanculo. So wurde dann auch vergangen. Und als sich, am Pissoir am
Fluß angekommen, darin der Spadolin vorfand, den die ihn wie seine
Reise geheimhaltenden Dienste seit Stunden, wenngleich ohne Ergebnis,
frenetisch suchten, der damit also auch den Honoratioren der Stadt
abhanden, die an der Vittoria auf ihn gewartet, von ihm, das ja, seit
Jahren allerhand gewohnt, auch Verschwinden, wenn auch, noch nie, so
gänzlich und dermaßen auf Dauer: So denn dann begann die Kunst im am
Pissoir früher als geplant, Dank Spadolin und Din und Don. Und dem
Nachschub aus dem Buko.
v Die Krise des Alphabets Was
ist mir, sagte er, um das Alphabet der Krise. Angesichts der Krise des
Alphabets. Und schnitzte sich einen Buchstaben. Legte ihn zu den
anderen. Und wußte: Im nächsten Winter dann würde er sie wieder alle,
in extremis, verbrennen.
ix Über das Steigen in der Eiswand und das Gehen am Grad ist
nichts zu sagen. Zu singen dabei aber wär: A sera quanno 'o sole se nne
trase / e dà 'a cunzegna a luna p' 'a nuttata / lle dice dinto 'a
recchia - I' vaco 'a casa: / t'arraccumanno tutt' 'e nnammurate
(...) | 
eben erschienen:
Franz Pichler. Bildhauer. Monographie. Arunda 76. 2009. 186 Seiten ISBN 978-3-7066-2456-5 |
| |
| |
| |
Ein Blick in die Welt
verschafft ja durchaus, wenn auch nicht immer,
Einblick. Und ab und an sind es die sogenannten Kleinen Dinge (die sich
selbst wohl nur äußerst ungern als solche bezeichnen würden; für heut
aber müssen sie es eben dulden), an denen sich das eine oder andere
ablesen läßt. Ob man sich dann darauf auch einen Reim bilden kann, ist
eine andere Frage. Die wäre dem Lyriker zu stellen.
Es hat irgendwann begonnen, unauffällig; in der
Folge dann hat es sich peu à peu in dieser Stadt ausgebreitet wie (und
hier wäre eigentlich ein Vergleich aus der Medizin am Platz, Abteilung
eklige Infektionen, Unterabteilung: Zweitsemester erschrecken bzw.
aktuelle deutsche Bestsellerlisten, wir lassen den Vergleich aber an
seinem Platz und sagen lieber:) ausgebreitet wie ein Ölfleck.
Nun ist allein die Anzahl der Frisörläden, die es in
dieser Stadt gibt, verwunderlich. Und ist einem das erst einmal ins
Auge gestochen, notiert man, durch die Stadt wandernd, mit und addiert
es sich auf. Sieht, im Vorübergehn, hinein und stellt fest: Da sitzen
tatsächlich auch welche, immer.
Unsereins kannte das noch anders, vom Dorffrisör.
Der war im Schwarzen
Adler abzuholen. Und falls man zu jung dazu war, hatte man
eben in seinem Laden auf seine Rückkunft zu warten. Konnte dauern. Man
hätte, angesichts des leicht erregbaren Meisters Schnittechnik am
jugendlichen Kopf - einmal über die Welt schimpfend quer drüber mit der
Maschine - sich in der Schwarzadlerzeit
auch ruhig selbst echauffieren sowie coiffieren können, dann aufkehren,
das Geld abgezählt hinlegen, und gehen. Tat man aber nicht.
Seither hat man ein Auge aufs Gewerbe. Und stellt
fest: Sie werden von Tag zu Tag vorwitziger, diese Frisöre. Und heißen
etwa nicht mehr Salon
Susi oder Coiffeur
Charlie, sondern (und sowas kann man sich auf einem
mittellangen Spaziergang durch die Stadt einsammeln): Spitzenbetrieb.
Hauptsache. Schnittpunkt. Methaarmorphosen. Kopfgeldjäger.
Kaiserschnitt. Freischneiderloge. Aufschnitt. Zuschnitt.
Scherenschnitt. Kopfsache. ChicSaal. Fairschnitt. Haarmonie. Haarlekin.
Hairgerichtet. Haar und Zimmermann. Wellkamm.
Für Wortspielereien, hatte man eigentlich gedacht,
sei der Dichter zuständig. Und hoffentlich glücklicher darin.
Dann aber rief gestern ein Bekannter an: Sein Freund
mache sich jetzt dann doch, endlich durchgerungen, gerade in Zeiten wie
diesen, also: selbstständig. Geschäftslokal ist ins Auge gefaßt,
Finanzierung dank einer Erbtante klar (bis auf eine kleine Bergtour in
die Schweiz), fehlte nur noch: der Name. Und da habe man, du machst das
doch von Berufs wegen, auch nicht immer ganz unwitzig, also,
... Ich dachte nur: Wenn du jetzt auf einem Nein behaarst,
wird dir das haarscheinlich als verhairend lächaarliche Haaroganz
ausgewaschenundlegt.
(Annotate.
Kürzestgeschichten. 13/03/09)
|
|
|
|
|
|
|
|
Dieser Tage also
ging
ich durch ein flaches Tal, schreibt er, an einem Fluß gelegen. Und fand
mich unversehens im Nebel wieder. Und da es Winter war, war plötzlich
alles weißer noch als weiß. Unten, oben, linkszurseit, rechtsrüber.
Falls überhaupt etwas in der Landschaft stand,
tauchte es erst im allerletzten Augenblick vor mir aus dem Weiß auf,
wobei allerletzter
Augenblick keine fünf Meter sind.
Ein paar dürre Bäume, beispielsweise, es war
ansonsten eine eher zivilisationsferne Gegend, durch die einzig und
allein eine Autobahn führte, was für sich allein genommen wohl noch
kein Ausweis von zivil, aber als ein Summen vor dem Eintritt in den
Nebel noch zu hören gewesen war.
Irgendwann dann, im Nachhinein meine ich: nach
Ewigkeiten, die wohl keine vierzig Schritte lang gedauert haben können,
standen drei schlanke Holzstümpfe vor mir auf (oder waren es zwei,
vier?), gewissermaßen bis zu den Knien versunken im Schnee, behangen
mit Reif. Und ich wußte es mir nicht zu deuten. Sah die Überbleibsel
von Galgen. Ging weiter, drehte mich um, und fand sie nicht mehr.
Und noch mehr Reif überall, allerfeinste Kristalle,
die bis in den hintersten Lungenflügel zu rieseln schienen.
Dann wurde es licht. Nicht daß der Nebel sich
gehoben hätte. Er strahlte. Leuchtete auf, warm, als ob man in einem
orangenem Zelt plötzlich säße mitten im Gehen. Der Reif golden. Der
Atem auch. Ich blieb stehen.
Da aber drehte sich die Welt und verschob sich das
Licht und alles mit ihm, Schnee und Reif und Nebel und das Nichts. Ein
dunkles Stahlblau stülpte sich langsam über uns, dem finstre Kälte
folgte.
Halleluja!, was, um G'swillen hast du jetzt wieder
angestellt. Wofür fährst du da in die Hölle?
Ich gestehe, schreibt er, daß mir genau das durch
den Kopf ging. Nicht daß ich mir keiner Schuld bewußt gewesen wäre, ein
paar davon trägt man immer mit sich herum, das leichte Reisegepäck
eben, nur: hier, und jetzt, und so? In Nebel und Schnee und Reif und
Nichts, ein sekundenschneller Weltuntergang, und gänzlich lautlos dazu
auch noch?
An diesem Punkt endlich, schreibt er, kam ich wieder
zu Sinnen. Denn: Keine Abfahrt in die Hölle (wohl auch keine Auffahrt
in den Himmel, aber davon versteht unsereins nicht allzuviel), kein
Weltuntergang, nichts davon wird je ohne: Fanfaren, Flageolette,
Flügelhörner, Fagotte, was weiß ich: stattfinden. Undenkbar.
Und als ich in der folgenden Nacht fieberschweißig
wach wurde, simpler Grippalinfekt, wie sich herausstellen sollte, stand
mir endlich eine vernünftige Erklärung vor Augen. In Kurzfassung:
Inversion, unten Nebel, drüber Sonne, vor die dann, doch, eine Wolke
gezogen war. Was vorkommen soll.
(Annotate.
Kürzestgeschichten. 17/01/09)
|
|
|
|
|
|
|
|
die b-protokolle /
#53 / 200409
Am kaelbermarkt reiszt eine kuh
aus. sie fluechtet zuerst in die
lampenabteilung eines moebel-
geschaeftes und hinterlaeszt dort
einen scherbenhaufen. dann rennt
sie, verfolgt von bauern und
polizisten, in richtung stadtrand
weiter
(Annotate.
Kürzestgeschichten. 05/09/08)
|
|
|
|
|
|
|
|
Das Hirn ist
ein soziales Organ, schrieb er.
Ja, schrieb ich ihm zurück. Und eine Ricotta, so am
Stück, natürlich nichts als ein redundant angebundener Zentralrechner.
Daraufhin er: ... wenn du meinst.
Und ich: Selbstverständlich. Die Geschichte mit dem
Berliner Amtsgericht. Pasolinis Kreuzigung. Und der andere, der
stolpernde Totò. Zum Beispiel. Drei Geschichten, die sich schneiden.
Mitten in der Ricotta.
Und wie gehen sie, die Geschichten?, schrieb er.
Ein andermal, schrieb ich, verzeih. Mir ist der
Hunger längst zu groß geworden. Zumal angesichts der traurigen
Gewißheit, daß sich heute, auch im Umkreis einer Tagesreise, eine
Ricotta, die den Namen wert ist, nicht auftreiben ließe. Wie wäre es
stattdessen damit: Logarithmen,
Aufgabe 20: Ein Staat mit weißer Bevölkerung gliedere sich farbige ein.
Die farbige Gruppe betrage anfangs nur 0,1 vH der weißen Rasse. Welchen
Hundertsatz machen die Farbigen nach 60, 120 und 180 Jahren aus, wenn
die Geburtenstärke der weißen Familie 2,2 ist, die der farbigen Familie
4,8 und der Zeitabschnitt der weißen Geschlechter 30, der der farbigen
Geschlechter 20 Jahre beträgt? (p bei der weißen Rasse 63, bei der
farbigen 60.)
?, schrieb er zurück.
Ist auch so eine Geschichte, schrieb ich, aus der
eine Geschichte werden könnt. Habe in einem Antiquariat für einen Euro
ein Buch erstanden, das (oramai è troppo tardi cantare miserere, sagte
Rosalia gern) zu nichts nutze schien: Rechenbuch für den Unterricht in
der Wehrmacht. Zweites Heft. Arithmetik und angewandtes bürgerliches
Rechnen. 1938 (August, 13 Monate vor dem Überfall auf
Polen). Im Vorwort stand: Die
Aufgaben nationalpolitischen Inhalts sind auf den neuen Stand gebracht
worden. Am linken Vorsatzblatt eine Signatur: Hildegard Bürger - Hagendorn,
17.X.41.
Nun, Frau Bürger - Hagedorn hatte es auch nicht
leicht, und, wiewohl bereits Krieg war, ganz andere Probleme. Die
durchaus auch auf die Zeugungsrate durchzuschlagen drohten. Das wissen
wir, weil sich in dem Buch ein leicht stockfleckiges, liniiertes, aus
einem Spiralblock gerissenes Blatt (ehemals A5, untere Hälfte unsauber
händisch abgetrennt) fand. Ich transkribiere Dir treulich den Text. Die
Geschichte dazu ist erst noch zu schreiben. Bis dahin ...
Liebe Hilde!
Ich habe Dich mehrmals gebeten, etwas früher zu erscheinen, da ich nach
der langen Zeitspanne einen großen Hunger habe. Ich halte das auf jeden
Fall für unkameradschaftlich, aber wenn Du etwas vor hast, kannst Du es
mir ja sagen, daß ich mir morgens 1 Paar Stullen mehr mitnehmen kann;
und wenn Du es vorher nicht weißt, kannst Du mich doch anrufen, damit
ich mir etwas Brot kaufen kann. So muß ich doch denken, Du kommst. Und
wenn Du trotzdem nicht kommst, muß ich annehmen, daß Du es ungern tust.
Dein Rudi
(Annotate. Kürzestgeschichten.
17/11/08)
|

|
|
|
|
|
|
|
Castelfeder
Der
Hügel von Castelfeder hat von jeher seine eigene Geschichte. Es ist
einem, als wäre er immer schon gewesen. Was aber nicht sein kann, da er
vulkanischen Ursprungs ist, was uns, jenseits aller Sagen, belegt, dass
auch der Hügel von Castelfeder irgendwann einmal aus den Tiefen der
Erde aufstieg, ihnen entglitt, oder, wenn man so will: lauwarm
ausspuckt wurde. Weswegen der Hügel von Castelfeder und der Rote Platz
(Красная Площадь, Krasnaja Ploschtschad) in Moskau auch Cousins ersten
Grades sind. Aber das nur am Rande.
Wer nun auf Castelfeder steht, der wird
unwillkürlich ein leises Raunen hören. Wie fernab anrollendes Meer. Und
es gibt, sagt man, durchaus auch Tage, wenn auch selten, an denen man,
von Castelfeder aus nach Süden blickend, plötzlich, aus Richtung der
bekannten Salurner Klause, das Meer ins Land ziehen sehen kann, mehr
als doppelt kirchturmhoch, aber ansonsten recht friedlich. Es sollen,
geht die Sage, sich an solchen Tagen immer wieder einige von
Castelfeder aus jauchzend in die salzigen Fluten gestürzt haben; nur,
um am nächsten Tag mit nassen Kleidern und wunden Knien vor ihrer
Hofstatt aufgewacht zu sein. Müde, aber fröhlich, in ihrem Erinnern. In
den umliegenden Dörfern nannte man sie verächtlich Die springenden
Feltine von Fastelceder (was wohl eine Verballhornung sein mag.)
Wenn aber wieder einmal der Etschdamm bricht und
Millionen von apfeltragenden Dingern unter Wasser stehen, die in frühen
Sagen noch Bäume genannt wurden, die reinsten Fabelwesen, von denen man
sich erzählt, sie seien damals so hoch gewachsen wie ein Haus und man
hätte ihnen mit einer einfüßigen Leiter, der sogenannten 27er-Loan, zu
Leibe rücken müssen, wenn also wieder einmal der Etschdamm bricht, dann
leuchtet nächtens auf Castelfeder ein Licht auf und flackert übers Tal.
Und Apfelseelen steigen aus dem Wasser, fliegen ein paar Runden und
lassen sich dann auf den Steinen der Burgruine auf Castelfeder nieder,
um sich zu unterhalten.
An ganz besonderen Tagen aber, wenn an Sommerabenden
lau der Wind vom Berg herunterfällt, ist ein Saxophon zu hören. Und man
sagt, es handle sich um einen einsamen, bis auf den Tod liebeskranken
Saxophonisten, der im Tunnel der aufgelassenen k. u .k. Fleimstaler
Bahn seine letzten Lieder spielt, einmal und noch einmal. Wissen kann
man das nicht. Es war noch keiner da, um das zu überprüfen. Und falls
einer da war, kam er nicht mehr zurück. Oder hat, zurückgekommen,
geschwiegen über das, was er gesehen hat. Wieso auch immer.
Um den seit jeher auf der Burgruine von Castelfeder
hausenden Baron von Caldiff rankt sich übrigens eine ganze Reihe von
Sagen, die aber bereits anderenorts wirkungsvoll erzählt wurde.
Hinzugefügt sei nur diese hier:
Dem Baron von Caldiff war eines Tages sehr
langweilig, langweiliger noch als an gemeinen christlichen Feiertagen.
Er trat vor seine Ruine, besah sich den Talboden unter ihm, den Himmel
über ihm, sowie sein nicht mehr gänzlich blütenweißes Hemd. Da unten
grün, da oben blau, und an mir alles grau, sagte er, das kann nicht
sein, das ist nicht fein. Erhob den Arm, Hagelwolken zogen gewittrig
auf, es rauschte, es krachte, der Himmel wurde graubraun, der Talboden
braungrau. Und das Hemd blütenweiß. Wohlauf, sagte da der Baron von
Castelfeder, jetzt kann’s zum Tanze gehn. Und zog los.
(...)
(war eine
Auftragsarbeit. Zu haben unter ISBN 9783852564555)
(Annotate.
Kürzestgeschichten. 05/09/08)
|
|