Der nacheiszeitliche "Ur-Sihlsee"
Während der letzten Eiszeit war das Sihltal bedeckt durch den Sihlgletscher, einen Seitenarm des Linthgletschers. Die sanften Hügel, die den Sihlsee an seinem nördlichen Ende umgeben, sind Moränenzüge, die dieser Gletscher hinterliess.
Vor diesen Moränen bildete sich nach dem Rückzug des Gletschers ein Becken, in dem sich bald ein See aufstaute. Der Sihlsee ist also keine "Erfindung" der Neuzeit; bereits vor 15'000 Jahren existierte ein "Ur-Sihlsee" von fast der gleichen Grössenordnung!
Der "Ur-Sihlsee" war lediglich um weniges grösser als der heutige Stausee. Der Wasserspiegel muss anfänglich bei etwa 900 m ü.M. gelegen haben (heutiger Sihlsee: 889.34 m ü.M.). Der See war jedoch in der Anfangsphase um einiges tiefer als der heutige Stausee: Bei Euthal betrug die Tiefe anfänglich 60 m, bei Willerzell sogar rund 100 m (maximale Tiefe des heutigen Sihlsees: 25 m).
Das Landschaftsbild dieses postglazialen Sees muss eindrücklich gewesen sein: Eingebettet in sanfte, mit einzelnen Birken- und Wacholdergebüschen bewachsene Hügel lag die ruhige, vom Gletscherwasser milchig blau gefärbte Wasserfläche, in der sich die mit Eis und ewigem Schnee bedeckte Druesbergkette spiegelte.
Dieser Anblick bot sich vor etwa 12'000 Jahren einer kleinen Gruppe von Rentierjägern, die am Ufer des Sees ihre Schleuderspeere herrichteten. In der Langrüti, am nördlichen Ufer des heutigen Sees, wurden Silex-Splitter gefunden, die beim Anfertigen der Speerspitzen übrig geblieben sind. Die Jäger kamen jeweils im Sommer vom Mittelland her ins Hochtal, um Rentieren und Pferden nachzustellen. Daneben fischten sie, richteten Fallen für Schneehasen oder Schneehühner ein oder sammelten Beeren.
Auffüllung des "Ur-Sihlsees"
Der Ur-Sihlsee existierte jedoch nur "vorübergehend", dh. nur während einiger tausend Jahre. Dies hat zwei Gründe: Die Einschwemmung von Geschiebe und die Bildung eines Einschnittes in die Endmoräne durch die Sihl.
Die Bäche begannen sofort, den See mit Geschiebe aufzufüllen. Am meisten Geschiebe führte damals wie heute die Minster, deren Einzugsgebiet im weichen Flyschgestein liegt. Der See wurde, entsprechend der Flussrichtung der Bäche, von Süder her gegen Norden hin aufgefüllt. Dies kommt wie nachfolgend beschrieben auch in der Schichtung der Sedimente zum Ausdruck.
Wenn ein Fluss Material in einen See schwemmt, sinkt das grobe Geröll sehr rasch zu Boden. Kies wird ein Stück weiter in den See hinausgetragen. Sand erreicht einen beträchtlichen Abstand zum Flussdelta, und Mergel verteilt sich sogar im ganzen See.
Während der Auffüllung eines Sees schreitet das Flussdelta vorwärts, so dass nach gewisser Zeit dort grobes Geröll abgelagert wird, wo früher nur Kies oder Sand hingetragen wurde. Dadurch entsteht eine Schichtfolge mit Mergel am Grund, überlagert von unten nach oben mit Sand, Kies und Geröll.

Die Sihl frass sich am Seeausfluss immer tiefer in eine der Moränen ein. An der Stelle, wo die Sihl im Lauf der Jahrtausende einen tiefen Einschnitt gegraben und sogar die darunterliegende Süsswassermolasse angenagt hat, steht heute die Staumauer.

Der Seespiegel senkte sich also langsam. Wo das Wasser seicht wurde, entwickelte sich Verlandungsvegetation. Auf der allmählich an Mächtigkeit zunehmenden organischen Schicht entstanden Flachmoore und stellenweise Hochmoore. Die Moore wurden zeitweilig von hochwasserführenden Bächen überschwemmt, so dass zwischen Torflagen hie und da Lehm und Geröll auftreten.
Der Geologe Werner Lüdi untersuchte die Sedimente im Bereich des nacheiszeitlichen Sihlsees kurz vor dem Stau des heutigen Sihlsees in den 1930er Jahren pollenanalytisch. Durch Analyse der in einer Sedimentschicht eingelagerten Pollen kann die betreffende Schicht datiert werden. Somit ist feststellbar, wie weit die Verlandung des nacheiszeitlichen Sees zu verschiedenen Zeiten fortgeschritten war (vgl. Abbildung).

Zeitlicher Verlauf der Auffüllung des nacheiszeitlichen Sihlsees

Text nach: Küchler, Meinrad. Die Moore des Sihltals. Erschienen in: Saurer, Karl (Hrsg.). Der Sihlsee, Eine Landschaft ändert ihr Gesicht. Zürich: Offizin (2002).

zur Startseite